Fast die Hälfte der Befragten würde sich an Nachbarn muslimischen Glaubens stören. Das zeigt die neue ÖIF-Studie „Was denkt Österreich?“, über die auch der ORF berichtet. Die Originaltabelle unterscheidet vier Antworten. Addiert man die beiden ablehnenden Kategorien, ergeben sich 49 Prozent; die anderen beiden kommen zusammen auf 51 Prozent.
| Muslimische Nachbarn würden mich … | Anteil |
|---|---|
| sehr stören | 20 % |
| eher stören | 29 % |
| eher nicht stören | 30 % |
| gar nicht stören | 21 % |
Für islamische Religionsgemeinschaften wirft dieser Befund eine ernste Frage nach gesellschaftlicher Akzeptanz auf. Die Frage nennt eine Glaubenszugehörigkeit, kein störendes Verhalten. Sie zeigt deshalb, wie verbreitet Distanz gegenüber einer religiös bezeichneten Gruppe ist. Daraus lässt sich weder ableiten, dass die Hälfte Österreichs Muslime aktiv diskriminiert, noch, dass muslimische Gemeinden für diese Einstellungen verantwortlich wären.
Zugehörigkeit im Alltag
Wer eine Gemeinde besucht, ist außerhalb der Moschee zugleich Nachbar, Kollegin oder Elternteil. Pauschale Vorbehalte können deshalb für Gemeinden auch dann bedeutsam sein, wenn sie sich nicht unmittelbar gegen ein Gebetshaus richten. Sie werfen die Frage auf, ob ihre Mitglieder im Alltag als gleichberechtigte Mitmenschen wahrgenommen werden. Ob aus einer ablehnenden Einstellung tatsächlich eine Benachteiligung bei der Wohnungssuche oder am Arbeitsplatz entsteht, untersucht diese Befragung allerdings nicht.
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) reagierte am 9. September mit einer Stellungnahme. Präsident Ümit Vural erklärte: „Diese Zahlen sagen nichts über das Verhalten oder die Integrationsbereitschaft von Muslim:innen aus.“ Die Organisation sieht eine Mitverantwortung politischer Rhetorik, die Muslime unter Generalverdacht stelle. Zugleich betont sie die Notwendigkeit, gegen Extremismus und demokratiefeindliche Ideologien vorzugehen.
Die IGGÖ benennt damit eine mögliche Erklärung für das gesellschaftliche Klima. Welchen Anteil politische Aussagen an den gemessenen Vorbehalten haben, weist die Studie jedoch nicht nach. Dafür wären zusätzliche Untersuchungen nötig. Diese Unterscheidung gilt auch dann, wenn man die Sorge der Glaubensgemeinschaft teilt.
Ein Begriff ohne Definition im Fragebogen
Eine andere Frage betrifft negative Einflüsse auf das Zusammenleben. 52 Prozent wählen hier die vom ÖIF vorgegebene Antwort „Der Politische Islam“. Falschinformationen liegen bei 54 Prozent, weltweite Kriege, Konflikte und Terrorismus ebenfalls bei 52 Prozent. Mehrere Antworten waren möglich. Diese Werte geben Einschätzungen wieder; sie messen weder die Verbreitung bestimmter Ideologien noch deren Ursachen.
Der veröffentlichte Fragebogen auf Seite 35 erläutert „politischen Islam“ nicht näher. Damit bleibt offen, worauf sich die Antworten beziehen. Denkbar sind sehr unterschiedliche Vorstellungen: Terrorismus oder die Ablehnung demokratischer Rechte, aber auch konservative Religiosität, sichtbares muslimisches Leben oder die Interessenvertretung einer Moscheegemeinde. Welche dieser Vorstellungen die Befragten tatsächlich hatten, wurde mit dieser Frage nicht erhoben. Die 52 Prozent lassen sich deshalb nicht als Ablehnung eines von allen gleich verstandenen Phänomens lesen.
Wie politisch umkämpft die Bezeichnung ist, zeigt die Präsentation der Studie am 8. September. Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) beschrieb damit Bestrebungen, die sich über den demokratischen Rechtsstaat stellten und die Gesellschaft nach religiösen Regeln umbauen wollten. Sie verwies auf den Befragungswert und kündigte weitere Arbeit an einem Verbot an. Ihre Deutung ist eine politische Aussage. Ob die im Frühjahr Befragten dasselbe meinten oder ein bestimmtes Verbot unterstützen, geht aus der Antwort nicht hervor.
Ein solcher Ausdruck kann auch Vorstellungen aufrufen, die jemand aus öffentlichen Debatten kennt. Wer ihn vor allem als Bedrohungsbegriff wahrnimmt, könnte darauf reagieren, ohne an eine bestimmte Organisation oder eigene Erfahrungen zu denken. Das ist eine mögliche Erklärung, kein Ergebnis dieser Studie. Welchen Einfluss der Begriff selbst auf die Antworten hatte, lässt sich daraus nicht bestimmen. Für eine solche Prüfung wären etwa unterschiedlich formulierte Fragen in einem Vergleichsexperiment nötig. AAPOR empfiehlt eindeutige Fragen und erläutert, wie sich die Wirkung veränderter Formulierungen untersuchen lässt.
Auch der Zeitvergleich verlangt Vorsicht: Die Grafik auf Seite 16 vermerkt, dass 2024 nach dem „Islam“ gefragt wurde. Die damaligen 48 Prozent und die heutigen 52 Prozent beziehen sich auf unterschiedlich formulierte Antwortmöglichkeiten. Sie belegen keinen sauber vergleichbaren Anstieg.
Für islamische Religionsgemeinschaften berührt diese Unschärfe ihren Platz in der Öffentlichkeit. Gebet, religiöse Kleidung oder Moscheebesuch gehören zur Glaubenspraxis. Wer dagegen eine Stellungnahme veröffentlicht, Jugendarbeit organisiert oder mit der Politik spricht, nimmt am gesellschaftlichen Leben teil. Beides liefert für sich genommen keinen Beleg für demokratiefeindliche Ziele. Derselbe Maßstab sollte für muslimische, christliche, jüdische und andere religiöse Akteure gelten.
Auch konservative theologische Überzeugungen sind von autoritären Forderungen zu unterscheiden. Beide lassen sich öffentlich kritisieren; der Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit braucht jedoch konkrete Belege. Wo eine Organisation Menschen entrechten will, Gewalt rechtfertigt oder die demokratische Ordnung abschaffen möchte, sollten genau diese Ziele und die Belege dafür benannt werden. Ein religiös markierter Sammelbegriff ersetzt diese Prüfung nicht. MUSNA verwendet „politischer Islam“ hier deshalb als Bezeichnung des ÖIF und der Ministerin, deren Aussagekraft zu prüfen ist.
Wen die Befragung erreicht hat
Für die von Peter Hajek Public Opinion Strategies durchgeführte Studie wurden vom 26. Februar bis 9. März 2026 online 1.016 Personen ab 16 Jahren befragt. Die Gewichtung berücksichtigt Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland (S. 12).
Der Methodenbericht nennt 11 Prozent Befragte mit Migrationshintergrund und als Bevölkerungsvergleich 28 Prozent. Eine Gewichtung danach wird nicht ausgewiesen. Die angegebene Schwankungsbreite beträgt ±3,1 Prozentpunkte.
Eine solche Angabe erfasst nicht automatisch Fehler, die durch die Auswahl oder Nichterreichbarkeit bestimmter Menschen entstehen. Auf diese Risiken bei Online-Panels verweist auch der Meinungsforschungsverband AAPOR. Die Unterrepräsentation lässt sich ohne die Einzeldaten nicht in einen korrigierten Prozentwert übersetzen. Sie ist ein Grund zur Vorsicht, kein Beleg dafür, dass sämtliche Ergebnisse wertlos wären. Außerdem beschreiben die Antworten eine Erhebung aus dem Frühjahr, keine aktuelle September-Stimmung.
Folgerungen für die Gemeindearbeit
Für Begegnung spricht ein weiterer Befund: Im Freundes- und Bekanntenkreis werden Erfahrungen mit Migranten zu 73 Prozent positiv bewertet, in der Nachbarschaft zu 58 Prozent. Im öffentlichen Raum überwiegen dagegen mit 55 Prozent die negativen Bewertungen. Diese Angaben betreffen Migranten allgemein, nicht eigens Muslime. Befragt wurden dazu Personen mit mindestens gelegentlichem Kontakt im jeweiligen Bereich (S. 23 und Fragebogen S. 38).
Im vertrauten Umfeld fallen die Urteile günstiger aus als im öffentlichen Raum. Sie beweisen nicht, dass Kontakt allein Vorbehalte abbaut: Menschen mit einer offenen Haltung könnten auch eher solche Kontakte suchen. Für Gemeinden liegt es dennoch nahe, Begegnungen im Alltag zu ermöglichen, etwa bei gemeinsamen Nachbarschaftsprojekten. Ob solche Angebote etwas verändern und wen sie erreichen, sollte anschließend geprüft werden.
Auch Erwartungen an Integration verdienen eine sachliche Antwort. Die Anerkennung von Gesetzen und gute Deutschkenntnisse zählen laut ÖIF zu den besonders häufig genannten Anforderungen. Gemeinden können Mitglieder beim Zugang zu Bildung und Beratung unterstützen. Konkrete Konflikte oder die Abwertung von Frauen dürfen dabei nicht mit dem Hinweis auf Vorurteile beiseitegeschoben werden. Aus solchen Anforderungen folgt aber kein Nachweis, dass Muslime sie generell missachten.
Für religiöse Gemeinschaften bleibt die eigene Glaubenspraxis ein legitimer Teil des Zusammenlebens. Ob jemand als Nachbar respektiert wird, sollte nicht davon abhängen, ob er seinen Glauben unsichtbar macht. Gemeinden sollten konkrete Probleme ansprechen und sich zugleich gegen pauschale Abwertung wehren können. Der nächste Schritt wäre, auch die Erfahrungen muslimischer Menschen selbst genauer zu untersuchen.
Quellen und Einordnung
- ÖIF: Was denkt Österreich? 2026, insbesondere S. 12, 15–16, 23–24, 31, 35, 38 und 43. Seitenangaben entsprechen den PDF-Seiten.
- ORF: Bericht zur ÖIF-Studie, 8. September 2026.
- ÖIF: Zusammenfassung der Ergebnisse, 8. September 2026.
- IGGÖ: Stellungnahme zur Studie, 9. September 2026, veröffentlicht über APA-OTS.
- Bundeskanzleramt: Präsentation durch Claudia Bauer, 8. September 2026.
- AAPOR: Qualität und Grenzen von Online-Stichproben, 22. Februar 2023.
- AAPOR: Best Practices for Survey Research, Abschnitte zur Frageformulierung und zum Zeitvergleich; abgerufen am 9. September 2026.